Psalm einer Pusteblume Den Duft der Rosen verbreite ich nicht, köstliche Früchte reifen nicht an mir, die Größe der Königskerze ist nicht mein Maß, die Farbenpracht der Lilie nicht meine Zier. Nie wurd' ich zum Brautstrauß geflochten, nie in einem Blumenladen begehrt. Keinen Dichter bracht ich zum Reimen, keinem Sänger entlockt ich ein Lied. An Veredelung hat noch niemand gedacht, besonderer Schutz gilt mir nicht. Lästiges Unkraut werd' ich genannt, von Gärtnern emsig vernichtet. Dennoch schäme und verkrieche ich mich nicht, dennoch lasse ich mich nicht entmutigen, mir meine Lebensfreude nicht schmälern, den Lebensraum durch keinen Gartenzaun begrenzen. Vielmehr wachse und blühe ich überall, zahlreich und unübersehbar nach meiner Art, nein, Herr, nach Deiner Art, denn Du, mein Gott, hast mich so und nicht anders gewollt. Erzählen will ich von Dir und von mir, denn was ich bin, ist dein Geschenk. Mich kennt jedes Kind, Löwenzahn heiße ich oder taraxacum officinale. Kinder tauften mich liebevoll Pusteblume; diesen Namen mag ich am liebsten. Ich danke Dir, Herr, für meinen Namen. Ich wachse auf Wiesen und an Straßenrändern, auf Müllplätzen und in Gärten, ich genieße die Sonne auf den Höhen der Berge und scheue nicht die Schatten der Täler. Jedes Stück Erde lädt mich ein zum Leben. Mein Platz ist da, wo ich wachse und blühe. Ich danke Dir, Herr, dass ich überall Heimat finde. Ich suche die Nähe der Pflanzen und Tiere, denn ich bin nicht gerne allein. Mit Gräsern und Hahnenfuß, Klee und Vergissmeinnicht teile ich die Erde, den Himmel, das Wasser, die Luft. Es ist schön, mit anderen zusammen zu wachsen. Ich danke Dir, Herr, für die Gemeinschaft der Pflanzen und Tiere. Mein Blüte leuchtet wie die Sonne und strahlt ihr Licht zurück. Wer genau hinsieht, entdeckt in mir eine kleine Sonne, voller Strahlen, Farbe und Wärme. Ich danke Dir, Herr, für die Sonne. Am Nektar meiner Blütenkörbe laben sich Bienen und Schmetterlinge, Hummeln und Käfer. In meinen Blättern finden Kaninchen und Hühner, Kühe und Enten würzige Speise und stärkendes Mahl. Ich danke Dir, Herr, dass ich anderen Nahrung sein kann. Apotheker und Ärzte entdeckten heilende Kräfte in mir: Tee aus meinen Wurzeln vertreibt den Husten und befreit vom lästigen Reiz. Zu den Heilpflanzen werde ich darum gezählt, das ist meine stille Freude, mein heimlicher Stolz. Ich danke Di, Herr, dass ich heilen kann. Ausreissen lasse ich mich nicht leicht, denn meine Wurzeln sind stark und tief. Darin liegt das Geheimnis meiner Kraft: Standzuhalten vermag nur, wer tief verwurzelt ist. Ich danke Dir, Herr, für den Grund der Erde. In Blumensträußen bin ich selten zu finden. Zum Welken in der Vase bin ich nicht geboren. Ich liebe die Freiheit mit Wolken und Wind, Schmetterlingen und Kindern, Sonne und Regen. Ich danke Dir, Herr, für das Leben in der Natur. Ich bin nicht verliebt in das Bild meiner selbst, kann Abschied nehmen von Bienen und Schmetterlingen, loslassen von der goldenen Farbe. Bin bereit, mich zu ändern. Ich danke dir, Herr, dass ich mich ändern kann. Wer büht, verblüht und muss welken. Ich sträube mich nicht dagegen, nehme das Welken an und lass mich zu neuem Leben verwandeln. Ich danke Dir, Herr, für das Alt- und Neuwerden. Meine goldgelbe Blüte verliert ihren Schein, ich verschließe mich und warte still auf den Weckruf der Sonne, um mich als Pusteblume neu zu entfalten. Ich danke Dir, Herr, dass ich warten kann. Nun strecke ich mich dem Wind entgegen, wachse Blumen und Gräsern uber den Kopf. Der Wind ist mein rauher, aber herzlicher Freund. Er bläst mir ins Gesicht und trägt meine winzigen Samenkörner wie kleine Fallschirme davon. Ich danke Dir, Herr, für meinen Freund den Wind. Jeder Fallschirm soll eine neue Pusteblume werden, an ihrem Platz, nach ihrer Art. Ich halte keinen fest und springe keinem nach. Ich danke Dir, Herr, dass ich loslassen kann. Wer mich findet, darf mich pflücken, pusten und lachen, denn Du, Herr, hast mich zum Nutzen der Tiere und zur Freude der Kinder erschaffen. Helmut Herberg